ihr zu und merke, wie schwer mein Arm geworden ist. Mit welchem Gefühl mag sie mir zujubeln? Warum sitzt sie im Rollstuhl? Ein Unfall? Von Geburt an gelähmt? Eine Krankheit? Der Frau fehlt ein Bein, sie trägt ein St.Pauli-Shirt und raucht und winkt und ruft. Warum fühle ich dieses leichte Ziehen, diesen Impuls in meinen Augen, der, begleitet von einem wärmenden und klein wenig brennenden Gefühl unter meinen Lidern reizt? Ich blinzle, schlucke und kann den Impuls kontrollieren, bevor die Tränen kommen. Andere Gedanken überdecken die vorherigen. Die Frau gefällt mir. Ich möchte ihr zujubeln. Zugern würde ich mich nach ihr umdrehen, aber mir fehlt die Kraft. Das Geschenk eines gesunden Körpers, geht es mir durch den Kopf. Der Gedanke kreist, ich folge ihm, beleuchte ihn aus allen erdenklichen Perspektiven. Diese Frau, die nicht gehen kann, Iässt 20.000 Menschen an sich vorbeilaufen. An der Kilometermarke Achtundzwanzig kann das mehr als drei Stunden dauern, rechne ich aus.
Versunken im Denken, fühle ich meine Beine nicht mehr so stark. Meine beiden wichtigsten Werkzeuge sind für 30 Kilometerläufe trainiert. Das sind sie gewohnt. Mehrmals in den letzten Monaten mussten sie diese Strecke ertragen. Doch jeder Kilometer jenseits der Dreißigkilometermarke führt zum Marathon. Nicht umsonst heißt es: Ein Marathon beginnt bei Kilometer Dreißig. Im übertragenen Sinne heißt das wohl: Dort beginnt das Leben! Zunächst gab es nur den langen ruhigen Fluss, dann die ersten Strömungen und schließlich die schier
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schließlich die schier unbezwingbar scheinenden Stromschnellen! Jetzt nicht philosophieren!
Ratsamer wird es sein, einen Dank an meine Beine zu schicken. Und meine Schuhe? Welche Bedeutung haben sie? Erhalten sie die gebührende Würdigung? Habe ich ihnen jemals besondere Beachtung geschenkt? Zwei Jahre hält ein Paar. Zwei Jahre, in denen sie mich tragen, stützen und federn. Dann ersetze ich sie. Plötzlich erscheint der Akt des Wegwerfens mir äußerst unfair. Was ist, wenn meine treuen Schuhe, meine unersetzlichen Helfer, ihr brutales Ende spüren? Wenn sie merken, wie sie nach getaner Arbeit einfach ausgetauscht werden? Sollte ich mich häufiger bei ihnen bedanken, sie lobpreisen? Aber wie macht man das? Einen kleinen Altar aufbauen? Kerzen anzünden? Sie besonders pflegen, cremen und lüften? Mein Gott, wie weit ist es denn noch? Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich meine angestrebte Zeit wohl kaum erreichen werde.
Es fehlen bereits zwei Minuten. Aber ich werde aufrecht über die Ziellinie laufen, und die Zeit soll dabei keine Hauptrolle spielen!
Nur wenige Schritte vor mir entdecke ich plötzlich ein enges, aubergine-farbenesTrikot und überaus breite Schultern. Er sieht müde aus, sein Rücken ist leicht gebeugt und die Beine schwer. Er kann sie nur noch mit Mühe vom Pflaster heben. Als ich mit ihm auf gleicher Höhe bin, hole ich tief Luft. „Hier bist du also abgeblieben. Hab’ dich schon die ganze Zeit gesucht.“ Es gelingt mir, die Worte halbwegs flüssig herauszubringen, und soga
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