flüssig herauszubringen, und sogar noch ein Lächeln aufzusetzen.
„Es läuft nicht gut“, jappst er, als hätte er mir vor dem Start seine ganz persönliche Strategie dargelegt. Seine Stimme zittert, aber wessen Stimme tut das nicht, am Ende eines Marathonlaufs?
„Komm, hänge dich ran.”
„Ich wünschte, ich könnte.”
„3:45 sind noch drin für uns.”
„Ich hatte mal 3:30 vor.”
„Los jetzt!”
“Na schön!”
Meine Beine sind nicht mehr so schwer, wie noch vor ein paar Kilometern.Ich strecke mich, atme ruhig und fühle tief aus dem Inneren dringend benötigte Reserven aufsteigen. Ein Hochgefühl! Dafür laufe ich! Es ist alles im Lot! Mein Körper spielt mit! Die Zuschauer und Athleten holen das Letzte aus mir heraus! Es ist mein Tag! Ich fühle mich so stark, wie bei meinen schönsten Trainingsläufen und denke an die Landschaften, die ich in den letzten Monaten laufend erlebt habe. Die Elbe im Morgengrauen, erstes Frühlingslaub im Wald, ein weiter Nordseestrand bei Sonnenuntergang. Allein. Aus der Ferne gesehen, ist eine Läuferin nur ein winziges Wesen in der Weite der Natur. Doch dieses Wesen spürt den Boden unter den Füßen, mal weich, mal feucht, mal fest, spürt den weiten Himmel über dem Haupt, Wind in den Haaren, Sauerstoff in den Lungen, Meeresrauschen in den Ohren.
|
Meeresrauschen in den Ohren. Bei all diesen Läufen habe ich an den Marathon gedacht, daran, dass ich es schaffen werde und daran, wie ich im Ziel die Arme hochreiße. Zu schnell! Ich bin viel zu schnell! Der letzte Kilometer war ein Fehler.
Kein aubergine-farbenes Trikot mehr hinter mir. Gleich folgt die Rechnung!
“NUR NOCH ACHT KILOMETER!”, ruft jemand. Acht Kilometer sind nicht gleich acht Kilometer! Für Sportmuffel mögen sie eine unermesslich weite Distanz sein, für Freizeitläufer eine harmlose Joggingstrecke vor dem Frühstück, und für Marathonläufer sind die LETZTEN ACHT KILOMETER eine Ewigkeit, Iänger als die sechsunddreißig Kilometer zuvor.
Soll ich nicht einfach stehen bleiben? Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr! Emil Zátopek hatte gut reden! Nach drei Goldmedaillen, die er während der Olympiade in Helsinki 1955 errungen hatte, wäre mir auch zum Philosophieren zumute. Von wegen MENSCH LÄUFT! Mensch will liegen! Essen! Trinken! Schlafen!
Die Zielgerade! Jemand hängt mir eine Medaille um den Hals und reicht mir eine rote Nelke. 3:46! Durst, unendlicher Durst! Ich reihe mich ein, in die Schlange der Wartenden. Glücklich! Ja, ich bin glücklich.
„Gratuliere!”, sagt ein Hüne in nassem aubergine-farbenem Trikot.
„Glückwunsch!”, antworte ich und lasse die Tränen fließen.
|