seien hier viel gelassener und freundlicher und alles sei nicht so aufgesetzt cool wie im Schanzenviertel. Er hat Recht, hier wird sogar noch  –wie eh und je– ganz offen gedealt, während man die Junkies und Dealer aus meinem Stadtteil längst vertrieben hat und die einstige Bandbreite der Geschäfte sich den Bedürfnissen der Modeszene anpasst. Hier sieht man Menschen unterschiedlichen Alters, Hautfarbe, Figur und Kleidungsstils vorbei spazieren. In der morgendlichen Sommersonne wirkt das Ostertorviertel wirklich außerordentlich sympathisch. Übermütig bestellen wir die leckersten Zugaben, und müssen am Ende feststellen, dass wir 25 Euro verfuttert haben. Zügellosigkeit und Logenplätze haben ihren Preis.
Für heute steht eine besondere Besichtigung auf dem Programm. Im Focke Museum, dem Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte wollen wir uns die Ausstellung „Aus Sturm und Not – 140 Jahre Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“ ansehen. Als Mädel von der Waterkant hatte ich schon immer größte Ehrfurcht vor den wagemutigen Jungs der Seenotrettung. Mit ihren markanten Sammelschiffchen bittet die Gesellschaft schon seit ihren Anfängen um Spenden. Jeder norddeutsche Wirt, der etwas auf sich hält, hat die rot-weißen Schiffchen zentral auf dem Tresen platziert, am besten gleich neben der Zapfanlage. Mein Vater – ein ehemaliger Kochsmaat – warf jeden Sonntag, nach dem Frühschoppen, ein paar Münzen hinein.

Inzwischen ist es so heiß geworden, dass ein Museumsbesuch eine angenehme Kühlung verspricht. Die Ausstellung wartet mit zahlreichen Besonderheiten auf, die meine Hochachtung vor den mutigen Kerlen der Seenotrettung ins Unermessliche steigert. Allein schon der Anblick von Riesenwellen, auf einem Monitor, treibt mir die blanke Angst in die Knochen. Ein Simulator ermöglicht uns das Steuern eines Seenotrettungsbootes. Mit Mühe verlassen wir den sicheren Hafen, um zwei Segler aus einer Notlage zu befreien. Beinahe rammen wir eine Markierungstonne und können den Zusammenstoß mit einer Fähre erst im letzten Moment verhindern. Immerhin haben wir unser Boot nicht gleich an der Kaimauer zu Schrott gefahren, wie unsere Vorgängerin. Aus dem Museumsshop nehme ich den Text „Nis Randers“ von Otto Ernst mit. Das herzzerreißende Lied über ein Wrack auf einer Sandbank ist von Achim Reichel in seiner „Regenballade“ genial vertont worden.
Nun sind wir gerüstet für die Küste! Wir fahren Richtung Norden, folgen dem Weserlauf am westlichen Ufer, und ich bemühe mich beim Rezitieren des Liedes um ein dunkles Timbre. Mein Liebster sitzt am Steuer und lauscht den Worten über den mutigen Nis Randers: „Da hängt noch ein Mann im Mast, wir müssen ihn holen“. Gesagt, getan, „Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs; hohes, hartes Friesengewächs. Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz“.
Nach einer knappen Stunde erreichen wir Elsfleth. „Ich zeige dir die Großherzogin Elisabeth“,

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