Unsere Crew besteht aus pensionierten Seebären mit guter Laune. Sie forden uns ausdrücklich dazu auf, im Boot überall herumzuklettern und sie mit Fragen zu bestürmen. Der Wind weht uns lau um die Ohren und es riecht nach Meer. Ich entdecke den Ochsenturm bei Imsum und den Campingplatz von Wremen. Dann verschwindet das Ufer in der Ferne und unsere Seereise beginnt. In 3 Stunden werden wir den schönsten und bekanntesten Leuchtturm der Nordseeküste erreicht haben. Er steht seit 120 Jahren auf der Muschelbank Roter Sand in der rauen See der Außenweser. Fast 80 Jahre lang haben furchtlose Leuchtturmwärter über sein Feuer gewacht und den Schiffen in den Untiefen der deutschen Bucht, mit ihren tückischen Strömungen und weiten Sandbänken, einen sicheren Weg in den Hafen gezeigt. Die deutsche Küste ist ein Schiffsfriedhof mit über 1000 Wracks, und der Leuchtturm Roter Sand hat unzählige Schiffe vor diesem Unheil bewahrt. Unterwegs sehen wir ein Boot der Seenotrettung und  schmunzeln über unsere kläglichen Versuche mit dem Simulator. Auf einer Sandbank sonnen sich Robben, und die Mienen der Seereisenden spiegeln Zufriedenheit. Mein Liebster fotografiert aus jeder Position und wird dabei nur noch von einem jungen Mann mit strahlenden Kinderaugen übertroffen. Der Stuttgarter entpuppt sich als Hard-Core-Roter-Sand-Fan mit Briefmarkensammlung und passender Schirmmütze. Heute wird endlich – im dritten Anlauf - sein Traum erfüllt, und er darf das Objekt seiner Begierde wahrhaftig kennen lernen. Wegen schlechten

lernen. Wegen schlechten Wetters war die Goliath in den letzten Wochen mehrmals im Hafen geblieben, aber der Schwabe hatte nicht aufgegeben und für heute einen Platz ergattert.
Nach zwei Stunden entdeckt ein Passagier den Leuchtturm am leicht diesigen Horizont. Er reicht sein Fernglas weiter und sofort kommt Unruhe auf. Die Besatzung nutzt die Gelegenheit zur Einweisung in die Handhabung automatisch aufblasbarer Rettungswesten, die wir beim Besteigen des Turms tragen müssen. Eine ältere Dame blickt dabei wenig amüsiert in die Runde. „Wir haben noch jeden raufgebracht und auch wieder runnergeholt“, beruhigt einer der Seebären, der mit seinem ausladenden Körperumfang auf der Leiter sicher auch kein Kletteräffchen abgeben wird. Als es dann ‚klar machen zum Anlegen‘ heißt, entdecken wir einige Männer auf der Balustrade des Turms. Erst jetzt relativieren sich die Größenverhältnisse. Mit 28 Metern Höhe ist der Turm nicht so groß,  wie ich erwartet hatte, aber er ist mindestens genauso schön. Die rot-weißen Streifen setzen sich leuchtend vor dem blauen Himmel ab, und die drei markanten Erker geben dem Seezeichen etwas Verwunschenes. Zuerst kommen die Mechaniker vom Turm. Sie haben einige Tage für Reparaturarbeiten auf dem Roten Sand verbracht. Dann klettern wir Tagesgäste die Leiter hinauf und später die Übernachtungsgäste. In der untersten Ebene gibt es außer einem kleinen Bad ohne Dusche, und verschiedenen technischen Gerätschaften und Vorräten nicht viel zu sehen. Eine

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